Sonntag, 26. Juni 2016

26.6.2016: 100. Geburtstag von Karlrobert Kreiten.


Karlrobert Kreiten
Foto: Stadtarchiv Bonn

Karlrobert Kreiten gehört, trotz seines frühen Todes, zu den größten musikalischen Talenten des 20. Jahrhunderts. Man mag sich kaum vorstellen, was aus dem Ausnahme-Pianisten geworden wäre, hätten die Nazis ihn nicht mit nur 27 Jahren ermordet.

Geboren wurde er am 26. Juni 1916 in Bonn als Sohn des niederländischen Komponisten und Pianisten Theo Kreiten (1887–1960) und der deutschen Mezzosopranistin Emmy Liebergesell (1894–1985). Kreitens Eltern waren 1913 nach Bonn gezogen, wo der Vater als Konservatoriums-Lehrer tätig war, wie es in den Adressbüchern heißt. Dazu kam zu dieser Zeit eigentlich nur das bedeutende Ziskoven-Konservatorium auf der Coblenzer Straße (heute Adenauerallee) in Betracht, das einen hervorragenden Ruf in ganz Deutschland genoss. Mehrere Jahre bewohnte die Familie ein schönes Haus in der Endenicher Straße 40 – das Geburtshaus Karlroberts – , doch zog sie schon 1917 weiter nach Düsseldorf, wo Theo Kreiten eine Dozentenstelle am Buths-Neitzel-Konservatorium angenommen hatte und die Mutter als Kammersängerin auftrat. Die Eltern erkannten schnell die besondere Begabung des Jungen, der schon früh als Wunderkind galt und bei privaten Musikabenden illustren Gästen wie dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler auf seinem Schiedmayer-Flügel vorspielte.

Foto: karlrobertkreiten.de
Foto: karlrobertkreiten.de

Bereits mit zehn Jahren trat er als Solist in Mozarts Klavierkonzert A-Dur in der Düsseldorfer Tonhalle auf und bestand mit nur zwölf Jahren glänzend seine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Köln, wo er von Peter Dahm unterrichtet wurde. Seine Ausbildung zum Konzertpianisten beendete er 1934 mit Bravour. Danach setzte er seine Studien 1935 bei Hedwig Rosenthal-Kanner in Wien fort, bis er 1937 nach Berlin übersiedelte, wo er – durch Furtwängler gefördert, der ihn für den begabtesten Pianisten Deutschlands hielt – Meisterschüler des brillanten chilenischen Pianisten und hervorragenden Beethoveninterpreten Claudio Arrau wurde. Der war so begeistert von Kreiten, dass er noch 1983 in einem Interview über ihn sagte: „Kreiten war eines der größten Klaviertalente, die mir persönlich begegnet sind. Wäre er nicht durch das Nazi-Regime kurz vor Kriegsende hingerichtet worden, so hätte er ohne Zweifel seinen Platz als einer der größten deutschen Pianisten eingenommen. Er bildete die verlorene Generation, die fähig gewesen wäre, in der Reihe nach Wilhelm Kempff und Walter Gieseking zu folgen.

Kreiten, der schon in seiner Jugend bedeutende Wettbewerbe gewonnen hatte, eroberte bis 1943 die großen Konzerthäuser mit Werken der Romantik aber auch mit Werken der russischen Avantgarde wie Igor Strawinsky und Sergej Prokofieff. Zudem zeigen die wenigen noch vorhandenen Tondokumente, dass er trotz seiner Jugend bereits ein großer Beethoven-Interpret war. Schon 1933 hatte er sich in Berlin mit Beethovens „Waldstein-Sonate“ den Großen Mendelssohn-Preis erspielt. Doch 1943 war Schluss. Sein letztes Konzert gab der junge Pianist am 23. März 1943 im Berliner Beethovensaal. Für ein Liszt-Konzert in Florenz wurde dem Musiker überraschend die Ausreiseerlaubnis verweigert, so dass die Litfaßsäulen mit dem Namenszug „Carlo Roberto Kreiten“ überklebt werden mussten. Dann, kurz vor Beginn des für den 3. Mai 1943 in Heidelberg geplanten Konzerts wurde Karlrobert Kreiten von der Gestapo verhaftet.

Ausschlaggebend dafür waren seine im privaten Kreis, im Haus von Ellen Ott-Monecke, einer Jugendfreundin seiner Mutter, geäußerten Bemerkung, dass er sehr unter den Lügen des Regimes leide und überzeugt sei, „der praktisch verlorene Krieg“ werde „zum vollständigen Untergang Deutschlands und seiner Kultur“ führen. Ellen Ott-Monecke aber stand dem Nationalsozialismus nahe und informierte ihre Nachbarin Annemarie Windmöller, eine Schulungsleiterin der NS-Frauenschaft, die den „Fall“ gemeinsam mit Tiny von Passavent, einer Kreiten missgünstig gesinnten Sängerin, umgehend der Reichsmusikkammer meldete. Nach seiner Verhaftung in Heidelberg wurde Kreiten in die berüchtigte Berliner Gestapo-Zentrale in die Prinz-Albrecht-Straße gebracht, wo er sich bei einer Gegenüberstellung mit den beiden Frauen mit Ausreden zu verteidigen suchte. In seiner Verzweiflung gab er an, er habe nicht seine eigene Meinung dargelegt, sondern nur geäußert, was er „so auf der Bahnstation“ gehört habe. Die Denunziantinnen beharrten aber nicht nur auf ihrer Aussage, sondern gaben auch zu Protokoll, dass sie bei einem von ihnen angeblich arrangierten zweiten Gespräch mit Ellen Ott-Monecke hinter einem Vorhang mitangehört hätten, wie der Pianist seine „kriminellen Äußerungen“ nicht nur wiederholt, sondern nun sogar Adolf Hitler als „Wahnsinnigen“ bezeichnet habe.

Werner Höfer, Moderator des
"Internationalen Frühschoppens"
Foto: karlrobertkreiten.de
Nach zwei Monaten schwerer Haft und wohl auch Folterungen wurde Kreiten ins Untersuchungsgefängnis Moabit verlegt, wo er auch während der Fliegerangriffe gefesselt in seiner Zelle im oberen Stock verbleiben musste. Trotz der Fürsprache bekannter Persönlichkeiten wie Fritz von Borries‘ (Musikreferent des Propagandaministeriums) oder Furtwänglers wollte man an ihm ein Exempel statuieren und eröffnete den Prozess vor dem Volksgerichtshof. In einem Schauprozess unter dem Vorsitz Roland Freislers wurde Kreiten am 3. September 1943 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und vier Tage später, am 7. September 1943, mit nur 27 Jahren und trotz Gnadengesuche, im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Den Eltern des toten Pianisten schickte die Gerichtskasse eine Rechnung für die Hinrichtungskosten über 639,20 Reichsmark, die binnen einer Woche gezahlt werden musste. Der Leichnam von Karlrobert Kreiten wurde der Familie nie übergeben

Als wäre das alles nicht schrecklich genug, erschien am 20. September 1943 im Berliner „12-Uhr Blatt“ in großer Aufmachung ein Artikel Werner Höfers, der die Hinrichtung Kreitens bejubelte. So schrieb er wörtlich:

"Wie unnachsichtig jedoch mit einem Künstler verfahren wird, der statt Glauben Zweifel, statt Zuversicht Verleumdung und statt Haltung Verzweiflung stiftet, ging aus einer Meldung der letzten Tage hervor, die von der strengen Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers berichtete. Es dürfte heute niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen. Das Volk fordert vielmehr, daß gerade der Künstler mit seiner verfeinerten Sensibilität und seiner weithin wirkenden Autorität so ehrlich und tapfer seine Pflicht tut, wie jeder seiner unbekannten Kameraden aus anderen Gebieten der Arbeit. Denn gerade Prominenz verpflichtet!"

1984 beschloss der Rat der Stadt Bonn, in Poppelsdorf eine Straße nach Karlrobert Kreiten zu benennen.

Kommentare:

  1. Die nach 1945 Geborenen, konnten naturgemäß den Unrechts- staat der Nazi nicht verhindern. Was sie aber heute können, müssen ist, sich gegen die Ausländerfeindlichkeit stellen und auch den Rechten/Neonazi paroli zu bieten. Wehret den Anfängen. Dieses Zitat geht auf das lateinische "Principlis obsta" des Dichters Ovid zurück. Ich weiss von was ich Rede,meine leiblichen Eltern wurden auch im KZ ermordet.
    Schalom
    Peil, München 12.10.2016

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  2. Schalom auch an Sie, Herr Peil! Gruß Josef Niesen

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