Sonntag, 1. Mai 2016

850 Jahre Erhebung der Gebeine von Cassius und Florentius


Am 2. Mai jährt sich das Fest der Erhebung der Gebeine von Cassius und Florentius zum 850. Mal. 1166 war es der Bonner Propst Gerhard von Are, der die Gebeine der Heiligen in Anwesenheit des Kölner Erzbischofs Reinald von Dassel aus ihren Gräbern erhob, in einer feierlichen Prozession um die Kirche trug und auf dem Hochaltar in zwei prächtigen Schreinen aufbewahrte. Die Verehrung dieser Heiligen ist jedoch sehr viel älter als 850 Jahre und geht vielleicht sogar zurück auf den Beginn der christlichen Totenmemorie (also des Totengedenkens) aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts (nach anderer Meinung vielleicht auch erst Mitte des 4. Jahrhunderts), die sich unter der Krypta der heutigen Münsterkirche befand.

Cella memoriae
Foto: Hans Weingartz
Archäologisch ist diese cella memoriae gut fassbar, doch sagt uns die Archäologie naturgemäß nichts darüber, wem dort gedacht wurde. Die erste schriftliche Erwähnung der Heiligen Cassius und Florentius findet sich im Martyrologium Hieronymianum aus dem frühen 7. Jahrhundert, ist jedoch noch ohne Bezugnahme auf Bonn. Als ausdrücklich „Bonner“ Heilige werden sie aber in einer Urkunde vom 28. Juli 691 genannt, denn dort heißt es „ad basilicam sanctorum Cassii et Florentii“ (bei der Kirche der Heiligen Cassius und Florentius), womit auch erstmals in diesem Zusammenhang eine Grabeskirche (heutige Münsterkirche) in Bonn erwähnt wird. Entstanden war sie an der Stelle der cella memoriae etwa Mitte des sechsten Jahrhunderts als kleine Saalkirche von 13,77 m x 8,88 m Seitenlänge. Um 780 entstand dann ein karolingischer Erweiterungsbau mit einem Chor. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts wurde der Bau niedergelegt und in genauer Ostrichtung durch einen großzügigen Kirchenneubau ersetzt; Grundsteinlegung war um 1040. Dabei wurden die überlieferten Steinsärge der Märtyrergräber als Angelpunkt mit einem Tonnengewölbe überfangen, das heute die Gruft unter der Krypta bildet. Die Kirche selbst wurde als flachgedeckte Kreuzbasilika von fast 70 Metern Länge mit Doppelchor errichtet. An der nördlichen Langhauswand befand sich vor dem Haupteingang eine Vorhalle.

Gräber der Märtyrer mit Tonnengewölbe
unter der Krypta
Foto: http://www.bonner-muenster.de
Lage der cella memoriae
unter dem heutigen Münster
Foto: http://www.bonner-muenster.de
Um 1140 setzte dann durch Propst Gerhard von Are nochmals eine umfassende und aufwendige Bautätigkeit an der Münsterkirche ein. Der alte Langchor und die darunter befindliche Krypta wurden um ein ganzes Geviert nach Osten hin erweitert und mit einer Apsis versehen, die sich in drei Etagen gliedert. Am heutigen, nur wenig veränderten Zustand, erkennen wir noch den ursprünglichen Bau. Über einem breiten Sockel mit drei Kryptafenstern wurde das erste Geschoss errichtet, das durch Halbrundsäulen und Blendbögen in sieben Felder geteilt ist. Das zweite Geschoss, bestehend aus sieben, von freistehenden Säulen getragenen Bögen, hatte drei große, wohl aus farbigem Glas bestehende Chorfenster. Darüber befindet sich noch heute die Zwerchgalerie mit 22 Rundbögen, die abwechselnd von Doppelsäulen und zwei Einzelsäulen getragen werden. Die Bonner Apsis mit ihrer besonders differenzierten Gestaltung – von der Kunstgeschichte „Rheinischer Etagenchor“ genannt – war die Erste ihres Typs am Niederrhein und prägte für nahezu einhundert Jahre das Erscheinungsbild anderer Kirchen im gesamten Raum durch Neu- und Umbauten. Viele Kirchen folgten ihrem Beispiel, wie St. Gereon in Köln, die Abteikirche in Maria Laach oder St. Servatius in Maastricht. Flankiert wurde der Bau durch zwei mächtige, stilistisch die Gliederung der Apsis weiterführende Türme mit je einem Freigeschoss. Das benötigte Steinmaterial kam vorwiegend aus dem Neuwieder Becken und vom Drachenfels.

Das Altmünster vor dem Umbau
Münsterkriche vor und nach dem Umbau

Parallel zum mächtigen Ostbau ließ Gerhard von Are neue Stiftsgebäude an der Südseite der Kirche errichten und einen Kreuzgang anlegen, der in seiner geschlossenen Erhaltung heute einmalig im Rheinland ist. Die Arkaden der Kreuzgangsflügel zeichnen sich durch einfallsreiche Ornamentik aus. Besonders ausgewogen erscheint der Südflügel, dessen vorkragende Obergeschossgalerie auf fünf säulengetragenen Blendbögen ruht. Innerhalb des neugebauten Kapitelhauses am Ostflügel befand sich die Cyriacuskapelle, die Gerhard zu seiner Begräbnisstelle bestimmt hatte.

Gerhards Zeitgenossen zeigten sich von der Anlage außerordentlich beeindruckt. In einer Urkunde des Kölner Erzbischofs Friedrich II. von 1158 heißt es: „Praeterea quam diligens circa edificia ecclesia exstiterit, tocius sanctuarii et claustri interioris structura declarat, que eius studio a fundamentis erecta et, ut cernitur magnificata est“ (Wie sorglich er sich für den Kirchenbau einsetzte, das beweist der Bau des ganzen Heiligtums und des inneren Klosters, der durch seinen Eifer von Grund auf errichtet wurde und, wie man sieht, vergrößert worden ist).

Die neue Kirche können wir uns nun also vorstellen als einen großen, langgestreckten basilikalen Bau in Kreuzform, doppelchörig mit großer Schaufront im Osten, Kreuzgang an der Südseite, flachgedeckt und mit fünf Türmen bekrönt; zwei kleineren im Westen, zwei großen im Osten und einem eingeschossigen rechteckigen Vierungsturm. Die kurzen Querschiffe endeten noch mit einem rechteckigen Abschluss und wurden erst gegen 1200 polygonal erweitert. Der Abschluss des Westchors war, ähnlich dem des Ostchors, nach außen halb rund. Das Langhaus hatte oberhalb der Seitenschiffe romanische Rundbogenfenster und vor dem Eingang an der Nordseite eine große Vorhalle.
Diese gewaltige Kirche barg die Gräber der heiligen Cassius, Florentius und Mallusius. Am Vorabend des 14. September 1153 erfolgte die Einweihung des Neubaus. Über den Weiheakt sind wir unterrichtet durch die Aufzeichnungen der Visionen der hl. Elisabeth aus dem Kloster Schönau im Taunus, deren Bruder Ekbert Kanoniker des Bonner St. Cassiusstifts war. Ihre Visionen setzten zu Pfingsten 1152 ein und wurden sorgfältig in chronologischer Folge aufgeschrieben. Für 1153 findet sich eine an ihren Bruder gerichtete Schilderung, in der es (wörtlich) übersetzt heißt: „Ich habe auch etwas, das ich dir über die Weihe der Bonner Kirche, die kürzlich geschehen ist (de Bonnensis ecclesiae consecratione, que nuper facta est) berichten möchte“. Dann folgt die Schilderung ihrer Vision, deren historischer Kern darüber informiert, dass am Vorabend des Festes Kreuzerhöhung (14. September) des Jahres 1153 eine feierliche Weihehandlung im Bonner Münster stattgefunden hat.

Tumba Gerhards von Are
Zeichnung von 1788
Natürlich wissen wir heute nichts über die Beweggründe, die dazu führten, dass Propst Gerhard im Jahre 1166 die Gräber öffnen ließ und die Märtyrergebeine von Cassius, Florentius und Mallusius erhob. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es seine Intention war, damit seine Stellung gegenüber den anderen Stiften weiter zu behaupten, denn im Mittelalter waren Anzahl und Herkunft der Reliquien nicht unerheblich für den Einfluss einer Kirche. Zudem waren zwei Jahre zuvor in Köln die Gebeine der Heiligen Drei Könige ausgestellt worden und auch Aachen hatte bereits 1165 die Erhebung der Gebeine Karls des Großen gefeiert. Sicherlich wollte Propst Gerhard dabei keinesfalls zurückstehen, da mit der Reliquienerhöhung auch eindeutig wirtschaftliche Interessen verbunden waren, wie die Verleihung von Jahrmärkten in Aachen und Bonn bezeugt. Auffallend ist jedoch, dass nun plötzlich in Bonn der Name eine dritten Heiligen, Mallusius, ins Spiel kommt, der zuvor nie in diesem Zusammenhang genannt worden war. Wie es zur Verehrung dieses Heiligen kam, bleibt ungewiss, doch war es vielleicht wichtig, nachdem die Kölner Hauptkirche nun drei Heilige vorweisen konnte, die Zahl der Heiligen des Bonner St. Cassiusstifts (heute Münsterkirche) aus Prestigegründen zu erhöhen. Dabei wollte man vielleicht auch den Abstand zu den Konkurrenzstiften St. Gereon in Köln und St. Viktor in Xanten, die jeweils nur einen Heiligen aus der Thebäischen Legion vorweisen konnten, uneinholbar vergrößern.

Jedenfalls eröffnete Propst Gerhard am 2. Mai 1166 in Anwesenheit des Kölner Erzbischofs Reinalds von Dassel – dem berühmten Paladin Kaiser Barbarossas – und einer großen Menschenmenge die Gräber der heiligen Märtyrer in der Grabkammer der Münsterkirche. Um allen Zweifeln zu begegnen, ließ der Propst demonstrativ verkünden, man habe noch jetzt, 973 Jahre nach dem Martyrium, trockenes Blut in den Gräbern gefunden. Die Kölner Königschronik vermerkte dies mit den Worten: „Eodem anno Reinoldus archiepiscopus et Gerhardus praepositus Bunnensis beatissimos martyres Cassium, Florentium et Mallusium 6. Non. Maii cum inenarrabili cleri devotione et multitudine populi transtulerunt, invento sicco quidem, sed evidenti sanguine ipsorum, cum annis 973 passio ipsorum transacta fuerit“ (Im selben Jahr erhoben Erzbischof Reinald und Propst Gerhard von Bonn die heiligen Märtyrer Cassius, Florentius und Mallusius am 2. Mai mit unbeschreiblicher Hingabe des Klerus und einer zahlreichen Volksmenge und fanden zwar trockenes, aber deutlich erkennbares Blut, obgleich seit ihrer Leidenszeit 973 Jahre vergangen waren).

Für die Gebeine der drei Heiligen Cassius, Florentius und Mallusius hatte Gerhard vor der Erhebung kostbare goldene Schreine anfertigen lassen, in denen diese anschließend aufbewahrt wurden. Beschrieben werden diese Schreine in einem Reisebericht vom April 1537 als große Tumben von fast Menschenlänge. Im Schatzverzeichnis der Münsterkirche von 1588 heißt es, der Reliquienschrein von Cassius bestünde ganz aus Silber und Gold und sei mit kostbaren Edelsteinen besetzt. Hier wird auch eine ganz aus Silber und Gold gefertigte und mit Edelsteinen besetzte Büste des Cassius erwähnt, die das Haupt des Märtyrers barg. Im Kölnischen Krieg wurde dieser enorme Schatz leider geraubt und eingeschmolzen.

Vor 850 Jahren also wurden diese Schreine nach einer feierlichen Prozession über den Münsterplatz auf dem Hauptaltar der Kirche aufgestellt und den Gläubigen zur Verehrung dargeboten. Anlässlich des Festes gewährte Erzbischof Reinald dem St. Cassiusstift einen dreitägigen zoll- und abgabefreien Markt auf dem Münsterplatz. Der Markt wurde von nun an jährlich als großes Kirchenfest unter Beteiligung der Bürgerschaft mit einer großen, feierlichen Prozession und der Umtragung der Reliquien begangen, eine Tradition, die bis heute (wenn auch am 10. Oktober, dem Gedenktag der Märtyrer) fortgeführt wird.

Am 6.10.1643 erhob Kurfürst-Erzbischof Ferdinand von Bayern die Märtyrer Cassius und Florentius zu Bonner Stadtpatronen. Seit 2008 ist die heilige Adelheid von Vilich die dritte Bonner Stadtpatronin.
 
Exkurs: Was ist mit Mallusius?

Wie seine Kameraden Cassius und Florentius stammte auch Mallusius aus der von Kaiser Maximianus befehligten thebäischen Legion. Nachdem Mitglieder der aus Christen bestehenden Einheit sich geweigert hatten, ihrem Kaiser göttliche Ehren zu erweisen, ließ dieser sie der Legende nach in rasender Wut hinrichten und alle übrigen Thebäer verfolgen. So sollen des Kaisers Schergen am Ende des 3. Jahrhunderts Cassius, Florentius und Mallusius am Fuß des Kreuzbergs enthauptet haben (heute Mordkapelle in Bonn-Endenich). Kaiserin Helena soll die Leichen gefunden und am Ort der heutigen Münsterkirche begraben haben.

Während Cassius und Florentius nun bereits seit dem 7. Jahrhundert als Patrone des Bonner Münsters bezeugt sind, bleibt die Herkunft Mallusius’ unklar. Zwar wird er mehrfach in Verbindung mit den Thebäern genannt, nicht aber im Zusammenhang mit der Münsterkirche. Im Bericht des Küsters Theoderich der Abtei Deutz erscheint er gemeinsam mit Florentius als Gefolgsmann des Kölner Märtyrers Gereon, wobei Cassius nicht erwähnt wird. Als dritter Märtyrer des Bonner St. Cassiusstifts (heute Münsterkirche) erscheint Mallusius erst 1166 bei der Erhebung der Gebeine durch Gerhard von Are. Allerdings ist er zusammen mit Cassius und Florentius an der Decke der nach 1156 ausgemalten Doppelkirche von Schwarzrheindorf abgebildet! Zudem gab es in der Abtei St. Thomas in Andernach im 12. Jahrhundert eine Krypta „sanctorum martyrum Cassii, Florentii, Mallusii“ (der heiligen Märtyrer Cassius, Florentius, Mallusius) – sie ist aber wahrscheinlich erst nach 1166 auf diesen Namen geweiht worden. Mallusius bleibt also fest mit dem 2. Mai 1166 verbunden. Wieso er aber immer im Schatten von Cassius und Florentius blieb und 1643, als die beiden Letztgenannten durch Ferdinand von Bayern zu Bonner Stadtpatronen erhoben wurden, sogar vergessen oder bewusst ausgelassen wurde, muss leider unbeantwortet bleiben und kann wohl nicht mehr geklärt werden.

Dieser Artikel beinhaltet in weiten Strecken wörtliche Auszüge aus: Josef Niesen, Gerhard von Are. Propst des Bonner St. Cassiusstifts von 1124 bis 1169, in: Bonner Geschichtsblätter, Band 57/58, Bonn 2008.

Kommentare:

  1. Art der Erklärungen Hallo lieber Herr Niesen. Immer wieder bin ich erfreut und staune über die einfach tollen Beiträge. Die jeweilige Art der Beiträge ist so hervorragend auch für einen "Laien" nachvollziehbar. Vielen Dank für Ihre Arbeit ! Hans Pohl

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