Mittwoch, 21. Januar 2015

Geschichte der Kaffeerösterei Zuntz


Rechel Zuntz
Rheinisches Bildarchiv
Im Jahre 1787 wurde in der Bonner Judengasse (heute untergegangen) das kleine jüdische Mädchen Rechel geboren. Ihr Vater, Nathan David Hess (1756-1837), war Kaufmann und hatte vier Jahre zuvor in diesem Haus ein gutgehendes Kaffee- und Kolonialwarengeschäft eröffnet. 1813 heiratete Rechel ihren neun Jahre älteren Cousin Amschel Hertz Zuntz und zog zu ihm nach Frankfurt/Main, wo am 24.8.1814 ihr Sohn Leopold zur Welt kam. Da ihr Mann kurz vor der Geburt verstorben war, kehrte die alleinerziehende Rechel 1817 mit ihrem Kind zurück in ihr Bonner Elternhaus.

Leopold wurde streng jüdisch erzogen und absolvierte 1827 auf den Wunsch der Mutter hin eine Kaufmannslehre. Als 1837 Rechels Vater starb übernahm sie das Geschäft und gründete gemeinsam mit ihrem Sohn unter dem Namen

Logo "Dame mit
dem Schutenhut"
„A. Zuntz seel. Wb.“ eine Kaffeerösterei, die später zur größten Rösterei Deutschlands aufsteigen sollte. 1840 verlegte sie ihr Unternehmen in die Hundsgasse
14 (heute Belderberg) und trug sich in die Bonner Gewerbeliste als „Spezereihändlerin“ ein. Das Geschäft hieß nun leicht verändert A. Zuntz sel. Wwe.“. Ab den 1850er Jahren stellte sie als Spezialität auch „kandierten Kaffee“ her. Im Laufe der Jahre überließ die „Witwe“, wie Rechel von ihren Kunden genannt wurde, die Geschäftsleitung mehr und mehr ihrem Sohn, der 1846 Julia Katzenstein (1822-1872) heiratete, mit der er elf Kinder hatte. Leopold widmete sich dem Ausbau des Geschäfts und war daneben Mitinhaber der „Rheinischen Zeitung“. Nach dem Tod der Mutter am 21.1.1874 übernahm er die alleinige Firmenleitung, doch starb auch er nur wenige Monate später (13.6.1874), was dazu führte das sein Sohn Albert mit nur 25 Jahren das Geschäft übernehmen musste.

Filiale in Berlin,
Potsdamer Str. 54
Albert Zuntz wurde am 28.1.1849 in Bonn geboren, hatte nach dem Willen des Vaters ebenfalls eine Kaufmannslehre absolviert und war schon früh zu dessen Unterstützung in das Geschäft eingetreten. Durch den enormen Aufschwung, den die Rösterei seit den 1870er Jahren erlebte, gelang es ihm 1879 die erste Filiale in Berlin zu eröffnen. Doch tragischerweise war auch ihm kein langes Leben vergönnt und er starb am 29.8.1881 in Bonn an Tuberkulose. Also musste sein jüngerer Bruder Joseph, geboren am 7.3.1858, das Unternehmen nun leiten. Der verstand es seine guten Kontakte als „Königlich griechischer Konsul“ (Ehrentitel) zum Wohle der Firma einzusetzen und 1887 das Patent auf die Herstellung eines Kaffeekonzentrats zu erlangen. 1889 eröffnete er eine zweite Filiale in Hamburg. Zudem erhielt die Firma die Titel Hoflieferant Seiner Hoheit des Erzherzogs Ernst von Sachsen-Coburg, des Herzogs Georg von Sachsen-Meiningen, Seiner Kgl. Hoheit des Prinzen Wilhelm von Preußen und Hoflieferant Seiner Majestät des Kaisers und Königs, was seinerzeit eine hervorragende Werbung darstellte.

Pavillon der Firma Zuntz bei der
Berliner Gewerbeausstellung 1896

Anzeige der Firma Zuntz

1891 ließ Zuntz in Poppelsdorf Am Grünen Weg 78 (heute Königsstraße) einen großen Gebäudekomplex errichten, in den er die Bonner Dampf-Kaffeebrennerei verlegte, und wo er neben Kaffee auch Mischungen verschiedene Teesorten aus Indien und Ceylon herstellte. Daneben entstanden Großröstereien in den Filialen Hamburg und Berlin sowie Verkaufszentralen im gesamten damaligen Deutschen Reich. In Berlin eröffnete er 1897 zudem die erste Kaffeestube, was den Firmennamen weithin bekannt machte. Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden noch 30 weitere Kaffeestuben.

Als er um 1900 in Bonn verstarb, ging die Firma nun in die Hände seiner beiden jüngeren Brüder David (1861-1913) und Richard (1863-1910) über, die er – genau wie seine beiden Schwiegersöhne Louis Sondermann und Albert Bing (1853-1931) – schon früh am Familienunternehmen beteiligt hatte. 1907 gehörte die Bonner Firma mit 37 Arbeitern zu den größten Unternehmen ihres Zweigs. Zudem galt sie bei den Bonner Gewerbeinspektoren als „besteingerichtete Kaffeerösterei“.

Albert, der 1889 in Bonn geborene Sohn von David Zuntz, übernahm nach dem Tod des Vaters das mittlerweile überregional bedeutende Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder August und baute es weiter aus. 1927 wurde eine Produktionsstätte in Berlin errichtet, wohin 1929 auch die Hauptniederlassung verlegt wurde, während Bonn Zweigniederlassung wurde. Bis 1930 bestanden elf Filialen, u. a. in Hannover, Dresden und Antwerpen, sowie 1.934 Läden mit 17 Kaffeestube, denen bis 1932 weitere 55 Filialen folgten.

Nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten 1933 folgte für das Unternehmen mit jetzt 800 Angestellten die schwerste Zeit, die in Folge auch zum Niedergang des Familienbetriebs führte.

Gaststätte "Zur seligen Witwe",
Königsstraße (Foto: J. Niesen)
Die jüdische Familie wurde drangsaliert, das Unternehmen „arisiert“ und die Brüder Zuntz zum Teilhaber ohne Rechte erklärt. In den nächsten Jahren wurde die ganze Familie durch Verfolgung, Deportation, Treiben in den Suizid und Flucht auseinander getrieben. Nach Kriegsende lagen 40 % aller Zuntz-Häuser in Schutt oder waren unbewohnbar, von den 68 Filialen bestanden nur noch 14. Die Bonner Niederlassung konnte zwar gerettet werden, doch wurde dort jetzt ein Kaffeeersatz aus Getreide und Zuckerrüben hergestellt. Dennoch bestand die Bonner Rösterei bis 1980, obgleich das Unternehmen bereits 1951 an Dallmayr verkauft wurde.

Von dem großen Gebäude in der Königsstraße sind heute noch der neogotische Giebel mit zwei anschließenden Sälen erhalten. Die Brennerei mit den Packräumen und die Verladestation ist abgerissen worden. Heute befindet sich dort ein Lokal mit dem Namen „Zuntz selige Witwe“, dessen Interieur an das ehemalige Unternehmen erinnert.

Das Grab der Firmengründerin Rechel Zuntz findet man auf dem jüdischen Friedhof in Schwarzrheindorf, das ihres Sohnes Leopold auf dem jüdischen Friedhof an der Römerstraße.

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