Sonntag, 9. November 2014

Die Geschichte der Bonner Sankt Martinszüge.


Die Bonner St. Martinsbräuche reichen zurück bis ins Mittelalter. Doch der heute bekannteste Brauch des Martinszugs, in dem der heilige Martin zu Pferde mitreitet, ist noch keine hundert Jahre alt. Er geht zurück auf den Bonner Münsterpfarrer Johannes Hinsenkamp (1870–1949).

Der heilige Martin,
El Greco, 1598

Das Fest des heiligen Martin war vor Jahrhunderten zugleich der Abschluss des Wirtschaftsjahrs und Anfang des Winters. Die Ernte war eingebracht, die Höfe mussten Steuern entrichten und allerorten wurde geschlachtet. An diesem Tag hatten die ärmeren Bevölkerungsschichten deshalb Gelegenheit, von Haus zu Haus zu ziehen und Nahrungsmittel, insbesondere Fleischreste, zu erbetteln. Wegen des frühen Einbruchs der Dämmerung ist es naheliegend, dass sie dazu Fackeln mitnahmen. Möglicherweise entwickelte sich daraus das „Schnöörzen“, also das zu den Heischebräuchen gehörende Ritual der Kinder, am St. Martinsabend singend mit ihren Laternen von Haus zu Haus zu ziehen und Süßigkeiten zu erbetteln. Etymologisch mit dem Wort „schnorren“ verwandt, scheint der Begriff tatsächlich unmittelbar in Bonn entstanden zu sein und ist bereits wenige Kilometer außerhalb des Stadtgebiets in dieser Form nicht mehr gebräuchlich.

Es ist möglich, dass dieser Heischebrauch später rituell auf die Kinder überging, aus den Fackeln Laternen und aus den Bettelrufen Heischelieder wurden. Der Ursprung des Martinsfeuers hingegen wird in den Riten der germanischen Wintersonnenwendfeier vermutet. In dem reinigenden Feuer wurden die Sünden des vergangenen Jahres verbrannt – zugleich sollte es die dunkle Jahreszeit erhellen und den Feldern Segen bringen.

Martinsabend,
Bild des Bonner Malers
Peter Schwingen, 1837
In Bonn war es ein überlieferter Brauch, dass einige Tage vor St. Martin die Jungen von Haus zu Haus zogen, um Brennmaterial für die Martinsfeuer zu sammeln. Dies geschah unter der Aufsicht des „Mäetesmännche“, eines Jungen, dessen Leib, Arme und Beine mit dicken Strohseilen umwickelt waren. Auf dem Kopf trug er je nach Gegend einen Strohkranz oder alten Zylinder mit bunten Bändern, in der Hand einen Stock mit einem Strohwisch. Vor jedem Haus führte er Sprünge und Tänze auf, schlug mit dem Stock auf die Erde und sang: „Jett uns dit, jett uns dat, jett uns alles wat ihr hatt …“, oder, speziell in der Küdinghovener Gegend: „Mus, Mus komm erus, bräng en Bösch Struh erus ...“ Am Martinsabend loderten dann überall am Rheinufer größere Feuer und die Kinder zogen mit zur Fackel ausgehöhlten Rüben und Kürbissen durch die Stadt, um Gaben zu erbetteln. Waren die Feuer ausgebrannt sprangen die Jungen nach alter Sitte über die Glut. Tags darauf verstreuten die Bauern die Asche der Martinsfeuer über ihren Feldern. In den Familien war es bis weit ins 19. Jahrhundert Brauch, die Tafel mit frischen Würsten zu schmücken, wozu man sang: „Mäetens Ovend maache die Wiever de Wüeschte, wenn se Wing im Keller hann, dann drinken se, wenn se düeschte ...“

Johannes Hinsenkamp
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gingen die Bräuche vielerorts zurück. Anfang der 1890er Jahre wurde an der Ersten Fährgasse das letzte Martinsfeuer angezündet, kurz darauf wurden die Feuer aus Gründen der Sicherheit ganz verboten. Im Zuge des Ersten Weltkriegs und der Hungerjahre verrohten manche Sitten und das „Schnöörzen“ der Jugendlichen wurde zur aggressiven Plage. Die Deutsche Reichszeitung schrieb damals über das Bonner Martinsfest: „Gemütvolle Bräuche, die die Volksseele einer inniger empfindenden Zeit gebaren, drohen in der verflachten Gegenwart zu versanden. So ging es auch dem singenden Herumziehen der Kinder am Martinsabend, das in den letzten Jahren zu einem Vagabundieren mit schlimmsten Auswüchsen geworden war.“

Als 1920 Johannes Hinsenkamp zum Oberpfarrer der Münsterkirche und Stadtdechanten von Bonn ernannt wurde, war es ihm ein besonderes Anliegen, den alten Martinsbrauch neu aufleben zu lassen. Gemeinsam mit dem eigens neu geschaffenen St. Martins-Ausschuss Bonn Zentral, der sich auf Allerheiligen 1920 im „Hähnchen“ konstituierte, begründete er noch im selben Jahr aus Anlass des Patronatsfestes der Münsterpfarre die Tradition der Martinsumzüge in neuer Form, die schon bald im ganzen Rheinland Verbreitung fanden. Hinsenkamp, der Martins-Ausschuss und die Lehrerschaft organisierten zum 10. November einen Martinszug, bei dem erstmals die Schulklassen gemeinsam durch die Straßen zogen, wobei sie – einer neuen Idee folgend – von einem Gänsewagen und dem heiligen Martin zu Pferde begleitet wurden. Die Kinder trugen selbstgebastelte Laternen und sagen Martinslieder, wofür sie am Ende des Zugs mit Weckmännern belohnt wurden. Der erste St. Martin wurde von Josef Weiden dargestellt, der dazu auf dem einzigen Schimmel der Stadt ritt. Weiden übernahm diese Rolle für die kommenden 30 Jahre.

Martinsabend 1924 mit den Herren des Festkomitees,
Bild des Bonner Malers Emil Krupa-Krupinski, 1924

Der volle Erfolg des Martinszugs liest sich in der Deutschen Reichszeitung vom 11.11.1920 folgendermaßen: „ (…) und als erst der leibhaftige „Zinte Määtes“ in prangend rotem Mantel und hoch zu Roß sich vor dem Zug in Bewegung gesetzt hatte, da kam Fluß in die Sache. Die Kapellen schmetterten ihre Weisen hinaus, daß die dicke Trommel Mühe hatte, mit ihrem Bumbum zu folgen, und die jungen Kehlen jubelten die alten und doch immer wieder neuen Martinslieder so hell dazu, daß sie bald die Hörner übertönten. In flottem Marsche bewegte sich der Zug durch die Straßen, deren Häuser vielfach zum Feste der Kinder illuminiert waren. Es gab ein großartiges Bild, diese endlose Reihe von Lichtern vorüberfluten zu sehen… Dem nach einem Wege durch die Stadt zurückflutenden Zuge boten sich seine Ausgangspunkte in prächtiger bengalischer Beleuchtung… Während bengalische Lichter ihre rote Glut über die grauen Mauern des Münsters ergossen, fand auf dem Münsterplatz eine Schlußfeier mit kräftigem Männergesang statt.“

Bonner Martinszug 2013,
© Foto: Michael Sondermann/Bundesstadt Bonn

Seitdem ist der Bonner St. Martinszug eine echte Erfolgsgeschichte, die nur während der Kriegsjahre 1940–1945 aussetzte. Bewegend ist die Schilderung des damaligen Bonner Stadtdirektors Sebastian Dani über den ersten Nachkriegszug: „Dieser Martinszug gestaltete sich zu einem wahren Volksfest. Viele Straßen unserer Stadt lagen noch voller Trümmer, an den Häusern sah man noch die Wunden des Krieges, den Zuschauern aber leuchtete die Freude aus den Augen, nicht allein wegen des Martinszuges, der wiedererstanden war, sondern auch weil der seelische Druck, den der unheilvolle Krieg bei allen hinterlassen hatte, gewichen war. Sogar einige Offiziere der englischen Besatzungsmacht, darunter der Stadtkommandant Oberst Brown, feierten mit uns das Martinsfest und freuten sich so wie wir über die gebastelten bunten Fackeln und die leuchtenden Kinderaugen, die im Fackellicht erstrahlten. Dieser erneute Auftakt hat gezeigt, dass unser Martinsfest in der Bonner Bevölkerung ein fester, bleibender Begriff geworden ist und jedes Jahr wieder alt und jung erneut begeistert.“ Und diese Begeisterung ist bis heute geblieben und jedes Jahr wieder zu spüren!

1 Kommentar:

  1. Ach, wie schön hier zu lesen es habe das Lied "Määtes Ovend maache de Wiewer de Würschte..." schon vor langer Zeit gegeben. Ich selber habe es in der Münsterschule vom Musiklehrer, Herrn HESSELMANN gelernt. Es hat sich aber nie so richtig durchsetzen können. Määtes Ovend mache de Wiewer de Würschte - wenn s Wing em Kelle han dann drinkese wenn se dürschte. Määtes Sting, hinge de Gading steht en Fläsch met ruudem Wing"

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