Dienstag, 16. Dezember 2014

Heute vor 244 Jahren wurde Ludwig van Beethoven getauft.


Ein Blog über das historische Bonn ist ohne Beethoven undenkbar. Deshalb ergreife ich die Gelegenheit, zu Beethovens Tauftag (und die im Dezember liegenden Todestage seines Vaters und Großvaters) etwas über den Komponisten zu schreiben, wobei ich den Augenmerk auf seine Bonner Zeit legen möchte, denn seine späteren Jahre sind hinlänglich in hunderten Dokumentationen und Büchern beschrieben worden.

Ludwig van Beethoven,
Großvater
Die Familie van Beethoven stammte aus einem alten flämischen Geschlecht aus der Gegend von Löwen, das sich bis Mechelen und Antwerpen verzweigt hatte. Der erste dieser Familie, der sich in Bonn niederließ, war Ludwig van Beethoven (d. Ä.), der Großvater des Komponisten. Am 5.1.1712 in Mechelen geboren, sang er seit 1717 als Chorknabe an der dortigen Kapelle und stieg 1731 zum Tenoristen (also Tenor-Sänger) und Substitut des Löwener Kapellmeisters auf. 1732 begegnet er uns als Bassist in Lüttich, bevor er sich 1733 an den Bonner Hof begab und dort von Kurfürst Clemens August zum „Hof-Musicum gnädigst erklärt und aufgenommen“ wurde. Über 40 Jahre diente er in der Folgezeit am kurkölnischen Hof, erhielt 1746 wegen guter Leistungen eine deutliche Gehaltserhöhung und stieg 1761 zum Kapellmeister der Bonner Hofkapelle auf. Kurz nach seiner Ankunft in Bonn hatte er Maria Josepha Poll (Pall oder Ball) geheiratet, mit der er mehrere Kinder bekam, von denen aber alleine ihr Sohn Johann die Kindheit überlebte. Vielleicht war dieses Schicksal die Ursache für das spätere Leiden der „Madam Beethoven“, die wohl der Trunksucht verfiel und zur Pflege in das Kölner Ursulinen-Kloster verbracht werden musste. Wie viele Hofmusiker versuchte auch Beethoven sein Gehalt durch einen Nebenerwerb aufzubessern und betrieb in seinem Haus „Zum Walfisch“ in der Rheingasse einen schwungvollen Exporthandel mit Rhein- und Moselweinen in seine flämische Heimat. Am 24. Dezember 1773 starb er in Bonn. In zeitgenössischen Schilderungen wird stets seine besondere Freundlichkeit und Gutmütigkeit hervorgehoben.

Johann van Beethoven,
(ungesicherte Darstellung,
dem Vater zugeschrieben)
Seinen um 1740 in Bonn geborenen Sohn Johann van Beethoven unterrichtete der Vater selbst, bis der Junge mit 12 Jahren Sänger an der kurfürstlichen Hofkapelle werden konnte. Zunächst noch ohne Gehalt, wurde er 1756 deren vollwertiges Mitglied als Tenor. 1767 heiratete er die junge Witwe Maria Magdalena Keverich und zog mit ihr in das Hinterhaus der Bonngasse Nr. 515 (heute Nr. 20), wo drei Jahre später ihr Sohn Ludwig als zweites von sieben Kindern geboren wurde. Da Beethovens künstlerische Begabung allgemein als mittelmäßig geschildert wird, ist sein Verbleib in der Hofkapelle wohl dem Vater zu verdanken. 1773 übernahm er die Leitung der Hofkapelle bis zum Tod des Vaters kommissarisch und erhoffte sich, anschließend selbst zum Leiter der Kapelle ernannt zu werden, was er durch Bittbriefe und Geschenke an Minister Caspar Anton von Belderbusch zu erreichen trachtete. Doch die Kapellmeisterstelle erhielt nicht er, sondern der Italiener Andrea Luchesi. In einem – mit Vorsicht zu betrachtenden – anonymen Erpresserschreiben an den Kurfürsten heißt es 1784, Johann van Beethoven habe seiner Bitte durch eine „stehende Uhr“ und andere Geschenke Nachdruck verliehen, worauf der Minister ihm auch „eine Versorgung für seinen Sohn Lovis“ versprochen habe, doch da die Hilfe ausgeblieben sei, fordere Beethoven nun von den Erben des inzwischen verstorbenen Ministers 431 Reichstaler für die Uhr, zwei Gemälde, eine flämische Bibel, Gläser, Tassen, Porzellan und Spitze zurück.

Vielleicht aus Frust und Ärger über die ausgebliebene Beförderung und Gram über den Tod seiner Ehefrau (1787) verfiel Beethoven zusehends der Trunksucht und konnte seit 1789 seinen Beruf nicht mehr ausüben. Nach seinem Tod am 18. Dezember 1792 soll der Kurfürst ironisch gesagt haben: „Die Getränke-Accise hat an Beethovens Tod einen Verlust erlitten“.

Wann genau Ludwig van Beethoven, der große Komponist, geboren wurde, ist nicht bekannt. Getauft wurde er aber am 17. Dezember 1770 in der alten St. Remigiuskirche, die sich seinerzeit am heutigen Remigiusplatz befand. Nach ihrem Brand im Jahr 1800 musste die schwer beschädigte Kirche 1806 abgerissen werden. Das Patrozinium ging auf die Minoritenkirche (heute St. Remigius) über, wo sich heute auch der originale Taufstein befindet, an dem Beethoven getauft wurde.

Beethovens Taufstein
Beethovens Taufbucheintrag
Von Zeitgenossen wurde Beethoven als „scheu und einsilbig, in sich gekehrt und ernsthaft“ beschrieben, zugleich aber auch als Kind, das gerne Streiche ausheckte und mit seinen Kameraden ausführte. Zu beachten ist dabei, dass all diese Schilderungen erst angefertigt wurden, nachdem die Größe seines überragenden Talents sich gezeigt hatte und Beethoven zu einem weltberühmten Komponisten geworden war. Wieviel von den Erinnerungen an seine Kindheit also wahrhaftig ist, oder sich eher am späteren Menschen orientierten, ist also fraglich.

Beethoven mit
etwa 13 Jahren
Der junge Beethoven wurde vom beflissenen Vater, der in Bonn einen guten Ruf als Musiklehrer genoss, selbst ausgebildet. Er hatte wohl das Talent des Sohns früh erkannt und versuchte es mit unnachgiebiger Härte und Strenge zu fördern, wobei es ihm sicherlich vorschwebte, einen zweiten Mozart aus ihm zu machen. Seinen ersten Auftritt hatte Beethoven mit knapp acht Jahren in Köln, wo der Vater ihn – um das wunderkindhafte noch zu unterstreichen – als „Söhngen von sechs Jahren“ anpries. Auch später machte er Ludwig gerne ein bis zwei Jahre jünger. Beethovens Kindheit war geprägt von Armut, einer ganzen Reihe von Umzügen (siehe dazu meinen Artikel: Beethoven-Häuser in Bonn) und strengem Musikunterricht. Oft zwang der Vater den Jungen, nachts aufzustehen, um Klavier zu üben. Die Schule musste er bereits mit elf Jahren verlassen. Stattdessen bekam er seit 1782 zusätzlichen Unterricht in Cembalo- und Orgelspielen bei Christian Gottlob Neefe und im Geigenspiel bei Franz Anton Ries. Noch im selben Jahr veröffentlichte der zwölfjährige Beethoven bereits erste eigene Kompositionen.

In seiner freien Zeit scheint er gerne und viel gewandert und umhergestreift zu sein, es wird von Ausflügen in das Siebengebirge und ins Ahrtal berichtet, oft fand man ihn auf den nahegelegenen Feldern oder im Wald. Zwei dramatische Ereignisse seiner Jugend müssen ihn nachhaltig beeindruckt haben. 1777 brach eine drei Tage dauernde Feuersbrunst im nicht weit entfernten kurfürstlichen Schloss aus, der weite Teile der Anlage verwüstete, auf das ganze Stadtviertel überzuspringen drohte und mehreren Menschen das Leben kostete. Das Entsetzten, das in Bonn vorherrschte, wird auch den erst siebenjährigen Jungen erfasst haben. Man sei froh gewesen, in der Rheingasse zu wohnen, weil mit dem Rhein Löschwasser genug vorhanden sei, berichteten Zeitzeugen.

Brand des kurfürstlichen Schlosses in Bonn am 15.1.1777,
zeitgenössische Darstellung

Doch auch der Rhein barg seinerzeit seine Gefahren. 1784 stieg, durch schweren Eisgang bedingt, dem eine plötzliche Schmelze folgte, der Rhein mit 13,10 m über NN so hoch an, dass die Flut die am Ufer gelegenen Häuser mit sich fort riss. Das Wasser stieg über den Belderberg und lief bis in den Kreuzgang der Münsterkirche. Die schwere Rheinschiffmühle wurde durch die Gewalt des Wassers und den darauf treibenden Eisschollen gegen die Stadtmauer gepresst und brachte sie mitsamt den angebauten Häusern zum Einsturz. Auch die Familie Beethoven musste über eine Leiter aus ihrem Haus fliehen. Vielleicht waren diese Ereignisse ausschlaggebend dafür, dass Naturerlebnisse in Beethovens späterem Werk eine besondere Bedeutung bekamen.

Grab von Beethovens Mutter,
Alter Friedhof
Schon im Alter von elf Jahren hatte Beethoven im Gottesdienst Orgel gespielt, seit 1783 spielte er im Hoforchester Cembalo und nun, im Verlauf des Jahres 1784, erlangte er an der Bonner Hofkapelle seine erste feste Anstellung als stellvertretender Hoforganist. Auch dem Kurfürsten Maximilian Franz von Österreich, dem der dreizehnjährige Beethoven bereits drei Klaviersonaten gewidmet hatte, blieb dessen Begabung nicht verborgen, so dass er ihn 1786 zur weiteren Ausbildung zu Mozart nach Wien schickte. Ob es je zu einer Begegnung zwischen Beethoven und Mozart kam, ist bis heute nicht geklärt, wenn es auch als wahrscheinlich angenommen wird. Seinen Unterricht jedenfalls hatte Beethoven nie aufgenommen, denn wegen der schweren Erkrankung seiner geliebten Mutter – die bald darauf an der Schwindsucht starb – trat er bereits nach kurzer Zeit die Heimreise an. Ihren frühen Tod am 17. Juli 1787 konnte er nicht verwinden und war lange nicht fähig, zu komponieren. In einem Brief an seinen Freund Joseph von Schaden schrieb er die berührenden Worte: „Sie war mir eine so gute liebenswürdige Mutter, meine beste Freundin“.

Der junge Beethoven
mit 31 jahren
Beethoven hatte in Bonn schon früh Anschluss an die intellektuellen Kreise gefunden. Seine erste Liebe war seine Klavierschülerin Eleonore von Breuning, der er zwei Kompositionen widmete und sie später zur Namensgeberin der „Leonore“ in seiner Oper Fidelio machte. Oft war er Gast im „Zehrgarten“, wo sich Professoren und Künstler trafen (siehe meinen Beitrag: Wirtshaus Zehrgarten). Auch seinem frühesten Förderer, Graf Waldstein, begegnete er hier. 1789 wurde zu einem einschneidenden Jahr für Beethoven. Da der verwitwete Vater mit der Erziehung der jüngeren Kinder überfordert und der Trunksucht verfallen war, war der noch nichteinmal volljährige Komponist gezwungen, den Familienvorsitz zu übernehmen und Vormund seiner Brüder zu werden, wozu ihm vom Kurfürsten die Hälfte des väterlichen Gehalts ausbezahlt wurde. Trotz dieser großen Verantwortung betrieb er auch seine eigene Ausbildung weiter und schrieb sich noch im selben Jahr an der kurfürstlichen Bonner Universität ein. Sein revolutionärer Lehrer Eulogius Schneider (siehe meinen Beitrag: Eulogius Schneider) weckte in ihm die Begeisterung für die Ideale der französischen Revolution, die später in seiner Oper Fidelio und der 3. Sinfonie Ausdruck fanden. Als noch im selben Jahr das neue Opernhaus in Bonn eröffnet wurde, brach Beethoven sein Studium ab, um im Opernorchester Bratsche zu spielen.

Nachdem 1790 der Bruder des Kurfürsten, Kaiser Joseph II. gestorben war, wurde Beethoven von der Bonner Lesegesellschaft mit der Komposition einer Trauerkantate beauftragt. Gemeinsam mit der kurz darauf für den kaiserlichen Nachfolger entstandenen „Kantate zur Erhebung von Leopold II.“ sind sie die ersten großen Chor-Kompositionen Beethovens. Im Sommer desselben Jahres besuchte Joseph Haydn auf seiner Reise nach London Bonn, ebenso wie auf seiner Rückreise 1792. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm in der Godesberger Redoute auch Beethoven vorgestellt. Wahrscheinlich kam schon da der Gedanke auf, dass Beethoven sich bei Haydn in Wien ausbilden lassen solle. Jedenfalls erhielt er 1792 auf Vermittlung des Grafen Waldstein vom Kurfürsten erneut ein Ausbildungsstipendium. Im November des Jahres war es soweit und Beethoven wurde von seinen Freunden verabschiedet. Graf Waldstein schrieb in dessen Stammbuch die berühmten Worte: „Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozarts Geist aus Haydns Händen!“

Stammbuch Beethovens mit dem Waldsteinschen Eintrag,
Faksimile eig. Sammlung, Original im Beethovenhaus

Zwei Jahre darauf besetzten französische Truppen die Stadt Bonn, der Kurfürst musste fliehen und die Hofmusik wurde aufgelöst. Beethoven blieb in Wien und kehrte nie wieder in seine geliebte Heimatstadt zurück. Aus Wien schrieb er an seinen Freund Gerhard Wegeler: „… mein Vaterland die schöne gegend, in der ich das Licht der Welt erblickte, ist mir auch immer so schön und deutlich vor meinen Augen, als da ich euch verließ, kurz ich werde diese Zeit mir als eine der glüklichsten Begebenheiten meines Lebens betrachten, wo ich euch wieder sehen und unsern Vater Rhein begrüßen kann.“


Et Bonnleedche: Bonn Du bes ming Stadt!


(Den ganzen Aufsatz "Bonn im Spiegel der Musik" finden Sie in: Bonner Geschichtsblätter, Band 64, Bonn 2014).

video


Besonders erfreulich sind die seit mehreren Jahren auftauchenden neuen Kompositionen in Bönnscher Mundart. Zu erwähnen ist hier vor allem Volker Kriegsmann.

1956 in Köln geboren, war Kriegsmann nach seinem Musikstudium zunächst Solo-Oboist im Kölner Rundfunk-Sinfonierorchester und Mitbegründer des Collegium Musicum des WDR, bis er 1980 nach Bonn wechselte, wo er seitdem als Solo-Englischhornist und Oboist im Beethoven Orchester spielt. Daneben widmet er sich in verschiedenen Ensembles der Kammermusik. Als sich 2007 durch karnevalsbegeisterte Orchestermitglieder der Ludwigschor Bonn gründete, begann Kriegsmann mit der Komposition und Dichtung von Bonn-Liedern, die sich, in Bönnschem „Platt“ getextet, durchaus als Liebeserklärungen an die Stadt verstehen. Besonderes Beispiel dafür ist Et Bonnleedche von 2011.

Was Kriegsmanns Lieder angeht, greift hier der Begriff „Karnevalslieder“ viel zu kurz, denn die „Stückelche“ erzählen, ganz in der Tradition Willi Ostermanns, liebevolle kleine Geschichten rund um Bonn und die Bönnsche Eigenart, wobei sie genau das „urbönnsche“ Lebensgefühl treffen. 2012 erschien eine CD mit den Stücken Et Fessspillhaus, Et Bonnleedche, Rothussturm, Ausjerechnet an Karneval, Jebhard von Truchsess und Met der Trumm.

Et Bonnleedche

Text und Musik: Volker Kriegsmann

Bonn, du bes die Stadt,
die ming Hätz enjefange hat,
e kleen besje Jroßstadt e besje verdräump,
häs Minsche us alle Natione vereint,
du bes die Stadt, die uns all he verzaubert hat.

De Landschaff es schön wie et Paradies
en die ons Städtche he enjebett es
et Siebenjebirje, de Venusberch,
de Rolandsbore, de Rhing,
ach wenn ich add lang nit he wunne dät,
ich köm op Urlaub he hin.

Bonn, du bes die Stadt …

En Bonn Castell hät de Römer jebaut.
däm Ubier hät er et Jrondstöck jeklaut.
en Friesdorf han se de Franke verjrove,
die sin vür rund dausend Johr add jestorve.
de Steinzeit scheck ons als schöne Jroß
de Homo Oberkasselsius.

Bonn, du bes die Stadt …

Op Äde vun Blindheit un Taubheit jeploch
sproch Beethoven dennoch en himmlische Sproch
füe all die Minsche de janze Welt
vom Schöpfer övve däm Stänezelt
von Freude un och von Bröderlichkeit
en Bonn do semme bestimp esu weit!

Bonn, du bes die Stadt …

Sonntag, 7. Dezember 2014

Geschichte des Bonner Zeitungswesens.


Vor 125 Jahren, am 1. Dezember 1889, erschien erstmalig der General-Anzeiger unter dem heutigen Namen. Anlass genug, sich einmal mit der Geschichte des Bonner Zeitungswesens zu beschäftigen.

Titelblatt des ersten in
Bonn gedruckten Buchs
Der Buchdruck begann in Bonn – noch vor dem Zeitungsdruck – Mitte des 16. Jahrhunderts durch Laurenz von der Mülen. Die Lebensdaten dieses wohl aus Köln stammenden Druckers sind nicht greifbar, zumal seine Namensformen vielfältig sind. So taucht er in der Geschichtsschreibung beispielsweise als Laurens van der Mölen, Laurentius von der Müllen, Lorenz van der Meulen oder Laurentius Mylius auf. Gesichert ist aber, dass er 1542 in Köln ansässig war und 1543 seine Werkstatt nach Bonn verlegte. Hier druckte er noch im selben Jahr im Auftrag des Kurfürsten Hermann von Wied das Buch „Einfaltigs bedencken“. Diese wichtige Reformationsschrift war zugleich das erste Buch, das in Bonn gedruckt wurde - 33 weitere Reformationsschriften sollten noch folgen. 1547 druckte Laurenz von der Mülen „Dat gantz new Testament recht gruendlich verdütschet“ und 1550 das reformatorische „Bonner Gesangbuch“, wegen dem er nach der Wiederherstellung des Katholizismus aus Bonn „der Lutterei halber verdrewen“ wurde.

Kurz nach 1581 ließ sich der bedeutende Publizist Michael Freiherr von Aitzing (Eyzinger) zu Schrattenthal in Bonn als Historiograph des Kurfürsten Ernst von Bayern nieder. Seine ab 1584 herausgegebenen „Relationes Historicae“ mit Nachrichten über Wirtschaft, Politik und militärischen Auseinandersetzungen erschienen bis 1593 halbjährlich und 1594–1597 jährlich zur Frankfurter Messe, was ihnen den Namen „Messrelationen“ einbrachte. Sie gelten allgemein zu den frühesten Vorformen der Zeitschriften. Doch erschienen sie nicht in Bonn, sondern in Köln und Frankfurt. Dennoch ist Aitzing, der 1598 in Bonn verstarb, hier erwähnenswert.

Titelblatt einer von Jansen
gedruckten Schrift

Abb. aus: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon, 2011.

In Bonn selbst errichtete erst 1652 wieder ein Buchdrucker seine Werkstatt (in der Brüdergasse), nämlich der aus den Diensten Fürstbischof Ferdinands aus Münster kommende Heinrich Jansen, der dazu – wie es in den Ratsprotokollen heißt – „wegen einer erkauften Druckereyen“ eine Schuld von 164 Reichstalern auf sich nehmen musste. Jansen, der vorwiegend amtliche Drucksachen für den Kurfürsten druckte, wurde 1656 für ein Jahresgehalt von 140 Reichstalern in das Beamtenverhältnis aufgenommen. War zunächst nur vom „Typographus Bonnensis oder Buchtrucker“ die Rede, so wurde Jansen 1663 als erstem Bonner Drucker der Titel eines Hofbuchdruckers zuteil. 1684 starb er in Bonn. Das Amt des Hofbuchdruckers ging 1689 auf seinen (vermutlichen) Sohn Heinrich Tilmann Jansen über, der neben amtlichen Verordnungen auch Textbücher für das Hoftheater und Druche für das Schultheater der Bonner Jesuiten druckte. 1698 erschien die von ihm gedruckte „Policey Ordnung der Stadt Bonn“.

Wegweisend für den Bonner Zeitungsdruck war das Auftreten der Familie Rommerskirchen. Der Erste, Leonard Rommerskrichen war 1685 in Köln geboren, wo er um 1720 eine eigene Buchhandlung besaß. 1725 ließ er sich in Bonn in der Nähe des Rathauses nieder und erhielt von Kurfürst Clemens August Privileg und Bestallung als kurfürstlicher Hofdrucker. In der Bestallungsurkunde vom 15.12.1725 wird sein jährliches Gehalt mit „150 Reichstaler, quartaliter ausgezahlt“ angegeben. Ferner standen ihm aus der Oberkellnerei „acht Malder Roggen und acht Malder Gerste“ zu. Rommerskirchen erhielt das Privileg „zu Druckung der in Unsrem Erzstift ausgehender Bücher“ und war verantwortlich für die „Verschaffung und Lieferung denen Gymnasiis jährlichs im Erzstift austheilender Praemiorum oder sogenannter güldenen Bücher“. Sein erster Druck war die „Ernewerte Chur-Cöllnische Cantzeley-Ordung“ von 1726. Dieser älteste rheinische Verlag überhaupt war der Anfang des Verlagshauses Rommerskirchen-Neusser, das noch heute den Bonner General-Anzeiger herausgibt. Am 20.10.1738 starb Leonard Rommerskirchen in Bonn.

Sein Sohn Ferdinand, 1730 in Bonn geboren, war beim Tod des Vaters erst acht Jahre alt, weshalb zunächst Rommerskirchens Witwe, auf die das Privileg ihres Mannes übergegangen war, den Verlag bis zu ihrem Tod 1741 weiterführte, der dann an eine Erbengemeinschaft fiel. 1746/47 gelang es Bernhard Hilbertz, seit 1735 Buchhändler in Bonn, das Privileg für den Druck und Vertrieb einer öffentliche Zeitung zu erlangen, das er 1747, nach der Verständigung mit den Erben durch den Kurfürsten erhielt. Noch im Februar desselben Jahres gab er die erste Bonner Zeitung heraus: den Auszug Europäischer Geschichten“. Eine weitere Zeitung des Verlagsprogramms war die moralisch-satirische Wochenschrift „Morpheana oder Traumgesichte im Reiche der Tiere“. Bereits 1749 scheint Hilbertz seine verlegerische Tätigkeit eingestellt zu haben; um 1762 ist er vermutlich in Bonn gestorben. Der „Auszug Europäischer Geschichten“ war der Auftakt zu einer ganzen Reihe zum Teil konkurrierender Zeitungen, die oft auch nach kurzer Zeit wieder eingingen, wie beispielsweise die 1780 begründete „Bönnische Literatur- und Kunstzeitung“ von Johann Peter Eichhoff oder die „Gazette de Bonn“, die nur ein Jahr lang erschien.

Wöchentliche Bönnische Anzeige,
Bonn 1767

Abb. aus: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon, 3. Aufl. 2011.
1746 übernahm der erst 16-jährigen Ferdinand Rommerskirchen als Hofbuchdrucker die Druckerei seines Vaters, die er mit zwei Setzern, einem Drucker und einem Lehrling weiterführte. Neben den üblichen kurfürstlichen Drucksachen druckte er vor allem 1763–1770 die zweimal wöchentlich erscheinende Wöchentliche Bönnische Anzeige von gelehrten Sachen, Staats-Begebenheiten und vermischten Neuigkeiten“ – die als zweite Bonner Zeitung zu gelten hat – und seit 1770 den „Bönnischen Sitten- Staats- und Geschichtslehrer“, dessen Lebensdauer gerade einmal zweieinhalb Jahre betrug. Ab 1772 brachte er das Gnädigst privilegirte Bönnische Intelligenzblatt“ heraus, dessen Erscheinen aber 1794 mit dem Einmarsch der Franzosen eingestellt werden musste. Zwischenzeitlich war Ferdinand Rommerskirchen am 22.1.1777 in Bonn verstorben.

Mit dem Tod des Vaters ging das kurfürstliche Privileg auf den siebenjährigen Heinrich Joseph über. Da seine Mutter jedoch noch im Sterbejahr den ehemaligen Gehilfen ihres Mannes, Johann Friedrich Abshoven, geehelicht hatte, führte dieser Verlag und Druckerei weiter. 1778 erhielt er den Titel eines Akademiebuchhändlers und -druckers mit dem Alleinverkaufsrecht aller bei der Akademie vorgeschriebenen Bücher sowie dem Alleinverlagsrecht aller kurkölnischen Schulbücher. 1790 wurde er Mitglied der Bonner Lesegesellschaft, deren Drucksachen er ebenfalls herstellte. Seit 1796 gab Abshoven als Fortsetzung des eingegangenen Intelligenzblattes die „Bonner Zeitung“ heraus sowie die „Bonner Dekadenschrift“, in der der „Bürger Abshoven“ die Grundsätze der französischen Revolution in gemäßigter Form darstellte. Als Befürworter der neuen Zeit trat er 1797 in den Bonner Stadtrat ein und wurde 1798 zu dessen Präsidenten gewählt, doch bat er noch im Dezember desselben Jahres wegen Unzufriedenheit um Entlassung aus seinem Amt. 1799 scheint er in Bonn gestorben zu sein.

Sein Stiefsohn Heinrich Joseph Rommerskirchen war zwischenzeitlich nach Köln gezogen und überließ seinen Anteil am Bonner Geschäft seiner Schwester Catharina, die 1801 den aus einem alten Bonner Fährschiffergeschlecht stammenden Peter Neusser (geb. 1772) heiratete, der seine Ausbildung als Drucker vermutlich bei Abshoven absolviert hatte und nun das Geschäft übernahm. Brachte er zunächst vorwiegend den „Bonner Sack-Kalender“ – ein Kalendarium der Heiligenfeste und Verzeichnis der Häuser und Behörden mit den in ihnen tätige Personen – und das Bonner Adressbuch heraus, so setzte er sich später stark für die deutsche Literatur ein und verlegte eine „Sammlung der Lieblingsdichter Deutschlands“. 1808 gab er erstmals das „Wochenblatt des Bönnischen Bezirks“ heraus, das drei Jahre lang sonntäglich erschien, bis es wegen der französischen Zensur nicht genügend Abnehmer fand und eingestellt werden musste. 1813 erschien es erneut, doch durfte nun höchstens noch über Pariser Moden berichtet werden. Seit 1814 erschien die Zeitung im befreiten Bonn als „Bonner Wochenblatt“. 1843 verstarb Neusser, dessen Name bis heute mit dem „General-Anzeiger“ verbunden ist.

Sein 1808 geborener Sohn Johann Neusser war bereits einige Jahre im väterlichen Betrieb tätig, als er ihn 1840 ganz übernahm. Es gelang ihm, das seit 1843 täglich erscheinende „Bonner Wochenblatt“ über die Zeit der 1848er Revolution zu retten, in der die Existenz des Blattes auf dem Spiel stand. In dieser Zeitung, die seit 1859 den Titel „Bonner Zeitung“ trug, druckte Neusser nicht nur politische Nachrichten ab, sondern kommentierte sie auch in einer „Politischen Wochenübersicht“, zunächst in heftiger Opposition zum neuen Ministerpräsidenten Bismarck. Seit 1874 überließ Neusser die Zeitung gänzlich seinem Sohn Hermann (geb. 1839) und zog sich zurück, bis er am 23.9.1887 verstarb.

Hermann Neusser
Hermann Neusser übernahm 1870 die Leitung des väterlichen Zeitungsunternehmens, zunächst noch gemeinsam mit seinem Vater, das er 1872 in das ehemalige Haus der Familie Breuning (Eleonore Breuning war eine Klavierschülerin und enge Freundin Beethovens) an den Münsterplatz verlegte (heute befindet sich dort der Kaufhof), wo sich auf seinen Vorschlag hin am 24.2.1889 der Verein Beethoven-Haus konstituierte, um das baufällig gewordene Geburtshaus Ludwig van Beethovens vor dem Abbruch zu bewahren. So ist es vor allem Neussers Verdienst, dass das bedeutende Haus in der Bonngasse bis heute erhalten werden konnte. Nachdem Neusser 1891 seinen gesamten Buchverlag wegen Unrentabilität an die Buchhandlung Fritz Cohen (später Bouvier) verkaufen musste, konzentrierte er sich ganz auf den Zeitungsverlag, den er jedoch ebenfalls gezwungen war, am 31.9.1891 eingehen zu lassen. Zuvor hatte er allerdings eine „Aktiengesellschaft Generalanzeiger für Bonn und Umgegend“ gegründet, die jetzt unter seiner Direktion als Nachfolgeblatt der „Bonner Zeitung“ den neuen, täglich erscheinenden „General-Anzeiger“ herausbrachte. Diese neue Zeitung war von Neusser bewusst als „Volks- und Familienblatt“ in Konkurrenz zu den damals vorherrschenden politischen Zeitungen konzipiert worden. Bis heute besteht der „General-Anzeiger“ als Tageszeitung fort.

Nachdem Neusser am 13.3.1909 verstorben war übernahm sein Sohn Hermann Neusser (der Zweite) das Erbe. Nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg gelang es ihm, gemeinsam mit seinem Bruder Peter (gest. 1937), den Betrieb durch die schwere Zeit der Nachkriegsjahre, Inflation und Wirtschaftskrise zu führen. Dank seiner technischen Begabung trieb er den Ausbau der Druckerei weiter und erneuerte den Maschinenpark. 1927 hatte der General-Anzeiger bereits eine Tagesaufl. von 45.000 Exemplaren erreicht. Während des Nationalsozialismus kämpfte Neusser um die Existenz seiner Zeitung und gegen das Bemühen der NS-Stellen, den Verlag übernehmen zu können. Weder Angriffe der Partei, noch Anpöbelungen wie etwa der Aufzug einer SA-Kapelle vor dem Verlagshaus mit dem Lied „Muss i denn zum Städtele hinaus“ konnten den Verleger mürbe machen. Trotzdem sank die Auflage bis 1936 auf 16.000 Exemplare.

Titelblatt des heutigen General-Anzeigers
Abb. aus: J. Niesen, Bonner Personenlexikon, 3. Aufl. 2011.

Am 19.9.1937 starb Neusser und sein 1917 geborener Sohn mit dem mittlerweile traditionellen Vornamen Hermann (der Dritte) folgte seiner Spur. 1944 wurde der Verlag genötigt, den „Westdeutschen Beobachter“ eine Woche lang zu drucken. Die eigene Zeitung, die ihren Namen „General-Anzeiger“ ablegen musste und nun „Bonner Nachrichten“ hieß, durfte nur gedruckt werden, wenn das Erscheinen der Gaupresse garantiert war. Am 18.10.1944 wurde das Verlagshaus durch Bomben vernichtet und man wich nach Andernach und Siegburg aus, um – teilweise mit Handpressen – weiter drucken zu können. 1945 kam Neusser aus dem Krieg zurück und baute das Unternehmen mit seinem Schwager wieder auf. Am 1.10.1949 erschien die Zeitung wieder unter dem altgewohnten General-Anzeiger-Kopf. 1952 wurde in der Wesselstraße ein modernes Zeitungsgebäude errichtet, dass Druckerei und Redaktion in einem Haus vereinte. 1961 wurde eine Buntdruckgruppe an die Rotation angebaut und 1968 der Druck in ein neues Gebäude in die Robert-Kirchhoff-Straße verlegt. 1986 erhielt Neusser das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 1997 wurde er mit dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Bonn geehrt, und 1998 erhielt er den Rheinlandtaler des Landschaftsverbands Rheinland. Am 10.5.2002 verstarb er in Bonn.

Heute wird das Unternehmen in der siebten Generation der Familie geleitet.

Peter Hauptmann
Abb. aus: J. Niesen,
Bonner Personenlexikon, 3. Aufl. 2011.
Parallel gab es natürlich auch andere wichtige Bonner Zeitungen, wie die 1871 vom Bonner Verleger Peter Hauptmann (1825–1895) mitbegründete „Deutsche Reichszeitung“, die als Organ der katholischen Bevölkerung Bonns eine kirchenpolitisch wichtige Aufgabe erfüllte. Zugleich vertrat sie über die Grenzen Bonns hinaus den neuen Typus einer konfessionell gebundenen Zeitung. 1874 gründete Hauptmann die wöchentlich erscheinende Zeitung „Deutsches Vaterland“. Sein Sohn Carl Hauptmann (1853– 1933) trat 1888 in das väterliche Unternehmen ein. Genoss die Deutsche Reichszeitung zu Zeiten seines Vater noch hohes Ansehen, so hatte Carl mit dem Niedergang der Zeitung zu kämpfen. Besonders die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und die Inflationszeit machten Hauptmann schwer zu schaffen. Daneben hielt er seit 1889 zudem die Hälfte der General-Anzeiger-Aktien weniger einer. Aus Unzufriedenheit mit der Ausgestaltung der Zeitung zog Hauptmann sich aus der Aktiengesellschaft zurück und brachte als Gegenentwurf seit 1891 den „Bonner Stadtanzeiger“ heraus. Hauptmann, der weder Rotationsmaschinen noch weitere moderne Einrichtungen besaß, konnte jedoch nicht mit dem „General-Anzeiger“ konkurrieren, und der Erfolg blieb aus. Deshalb vereinigte er 1894 den Stadtanzeiger mit der „Bonner Volkszeitung“, die er wiederum beide 1906 mit der „Deutschen Reichszeitung“ verschmolz. 1921 zog Hauptmann sich von allen Geschäften zurück und widmete sich vorwiegend seinen historischen Studien. Die „Deutsche Reichszeitung“ ging 1927 samt der Druckerei in den Besitz von Heinrich Köllen (Köllen-Druck) über, der die Zeitung aufgrund einer Verordnung des Reichsverbands der deutschen Zeitungsverleger 1934 in „Mittelrheinische-Landeszeitung“ umbenannte.

Natürlich wäre zum Bonner Zeitungswesen noch viel mehr zu sagen, doch würde das erheblich zu weit führen. Verständlicherweise kann hier nur ein kurzer Überblick gegeben werden.

Mittwoch, 3. Dezember 2014

3.12.1901: vor 113 Jahren wurde der Bonner Philosoph Paul Ludwig Landsberg geboren.


Der Philosoph Paul Ludwig Landsberg wurde am 3. Dezember 1901 in Bonn geboren. Sein Vater war der bedeutende Rechtshistoriker Ernst Landsberg, der schon mit 19 Jahren seinen juristischen Doktorgrad erworben hatte und mit nur 23 Jahren an der Bonner Universität zum Professor ernannt worden war. 1914 war er der erste Jude, der an der Bonner Hochschule ein Rektorat inne hatte. Als Rechtshistoriker erlangte er so große Bedeutung, dass die „Deutsche Juristenzeitung“ ihn seinerzeit als den herausragendsten Rechtshistoriker Deutschlands würdigte.

Paul Ludwig Landsberg
Foto aus: H.-P. Höpfner, Die vertriebe-
nen Hochschullehrer 1933–1945, in:
Bonner Geschichtsblätter, Bd. 43/44,
Bonn 1993/94

Der zweitgeborene Sohn Paul studierte nach seiner Schulausbildung Philosophie an den Universitäten Freiburg und Köln, wo er 1923 sein Examen ablegte und im selben Jahr promoviert wurde. Bereits zuvor durch sein sein Buch „Die Welt des Mittelalters und wir“ zu größerer Bekanntheit gelangt, hörte er nun noch einmal zwei Jahre Vorlesungen in Sozialwissenschaften und Psychologie an der Universität Berlin, bevor er nach Bonn wechselte und sich dort 1928 mit einer Arbeit über Augustinus habilitierte. Ab 1930 lehrte er an der Bonner Universität mit großem Erfolg als Privatdozent, wobei er – aus jüdischen Verhältnissen stammend, doch auf Betreiben seines Vaters evangelisch getauft – ein auf einem christlichen Gottesbild basierendes konservatives und wertorientiertes Gesellschaftsideal vertrat. Landsberg fühlte sich auch zu den Ideen von Karl Marx hingezogen, lehnte den aufkommenden Nationalsozialismus strikt ab und engagierte sich in Wort und Schrift dagegen. 1933 wurde ihm, obwohl überzeugter Christ, wegen seiner jüdischen Herkunft die Lehrerlaubnis entzogen und er musste in die Schweiz fliehen, wo er noch im selben Jahr seine ebenfalls aus Bonn stammende Braut Magdalena Hofmann heiratete. 1934 folgte er zunächst einem Ruf an die Universität Barcelona, doch zwang der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs ihn bald zur Flucht nach Paris, wo er 1937 eine Professur an der Sorbonne erlangte und in der Zeitschrift für Sozialforschung des ebenfalls nach Paris emigrierten Max Horkheimer publizierte. Spätestens hier schloss er sich zudem der Résistance an. 1938 nahm sich seine in Deutschland verbliebene Mutter – der Vater war bereits 1927 verstorben – wegen der anhaltenden Schikanen das Leben; 1939 wurde Landsberg der Doktorgrad offiziell entzogen. Aufgrund der französischen Internierungsverfügung wurde Landsberg 1939 in ein Lager in der Bretagne verfrachtet, doch gelang ihm nach der Kapitulation Frankreichs zunächst die Flucht ins Elsaß, wo er unter falschem Namen lebte, bis er nach einer Denunziation im März 1943 von der Gestapo verhaftet und ins KZ Oranienburg verschleppt wurde. Dort starb er am 2. April 1944 an Hunger und Auszehrung.

Stolpersteine vor Landsbergs ehem. Haus
Seine Tochter hat er nicht mehr aufwachsen sehen können; sie war 1941 in Pau/Frankreich geboren und immigrierte später in die USA. An Paul Ludwig Landsberg und seine Mutter Anna erinnern heute zwei Stolpersteine vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Friedrich-Wilhelm-Straße.

Sonntag, 23. November 2014

25.11.1314: Königskrönung im Bonner Münster.


Vor 700 Jahren (1314) war die politische Lage im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation sehr angespannt und es kam in Folge dessen zu einer Königskrönung im Bonner Münster.

Entstanden war das Reich im 10. Jahrhundert aus dem karolingischen Ostfrankenreich heraus und sah sich in der Tradition des Römischen Reichs, doch nun unter christlichen Vorzeichen. Ihm stand der römisch-deutsche König vor, der von den sieben (später neun) höchsten Reichsfürsten, den Kurfürsten, gewählt wurde. Vier dieser Kurfürsten waren weltliche, drei geistliche Fürsten (Erzbischöfe).

Erste Darstellung eines Kurfürstenkollegs,
Codex Balduineus, um 1340,
ganz links der Kölner Erzbischof und Kurfürst
Wahl und Krönung des römisch-deutschen Königs hatten nach einem festen Ritus zu erfolgen, der 1356 in der Goldenen Bulle erstmals schriftlich festgehalten wurde. Nach diesem Zeremoniell war der einzig legitime Koronator der Kurfürst-Erzbischof von Köln (die Kölner Kurfürsten hielten sich seit 1263 vorwiegend in Bonn auf, das 1597 offiziell zur kurfürstlichen Haupt- und Residenzstadt erhoben wurde). Gemeinsam mit dem Kurfürsten von Trier führte er den frisch gewählten König zum Altar, wo er vom Kurfürsten von Mainz empfangen wurde. Hier kniete der König nieder und es wurden Gebete gesprochen. Es folgte ein Hochamt und die Salbung durch den Kölner Kurfürsten. Anschließend wurden dem König das Krönungsornat angezogen und das Schwert Karls des Großen überreicht. Dann hängte der Reichskämmerer ihm den Krönungsmantel um, und die drei geistlichen Kurfürsten setzten ihm gemeinsam die Reichskrone auf. Damit der Krönungsakt Rechtsgültigkeit erlangte, musste einer dieser drei geistlichen Kurfürsten zwingend der Kölner Kurfürst-Erzbischof sein! Als einzig rechtmäßiger Krönungsort galt die Aachener Pfalzkapelle. Das Krönungszeremoniell erreichte also nur dann die volle Rechtsgültigkeit, wenn drei Bedingungen erfüllt waren:

Die Reichsinsignien
Krone, Apfel und Zepter
1. die Krönung musste in der Aachener Pfalzkapelle stattfinden
2. zur Krönung benötigte man die rechtmäßigen Reichsinsignien
3. der Koronator musste der Kurfürst und Erzbischof von Köln sein

Wenn mindestens eine dieser Kriterien nicht erfüllt war, galt die Krönung als nicht vollzogen.

Im November des Jahres 1314 kam es nun zum Eklat. Friedrich III. (genannt „der Schöne“), aus dem Geschlecht der Habsburger, Herzog von Österreich und der Steiermark, stand mit Ludwig von Bayern in Zwist um die Königskrone. Bei der nach dem Tod des römisch-deutschen Königs Heinrich VII. stattgefundenen Königswahl war es zu einer Pattsituation gekommen. Keiner der beiden Kontrahenten hatte die erforderliche Einstimmigkeit erreicht. Ludwig von Bayern war es zwar gelungen, die Stimmen der Erzbischöfe von Mainz und Trier sowie des Markgrafen von Brandenburg und des Königs von Böhmen auf sich zu vereinen, aber der Pfalzgraf bei Rhein und der Kurfürst von Sachsen wollten unter der Führung des Kölner Erzbischofs Heinrich von Virneburg unbedingt eine Dynastiebildung durch den Wittelsbacher verhindern und gaben ihre Stimme Friedrich dem Schönen. Sowohl Friedrich als auch Ludwig betrieben nun schnellstmöglich ihre Krönungen! Ludwig konnte sich den rechtmäßigen Krönungsort Aachen sichern, aber er hatte weder den richtigen Koronator, noch verfügte er über die Reichsinsignien. Friedrich hingegen hatte mit seinem Parteigänger, dem Kölner Kurfürsten, zwar den richtigen Koronator – und auch die Reichsinsignien waren in seinem Besitz – aber er musste nach Bonn, dem „falschen“ Krönungsort ausweichen.

Friedrich der Schöne
----------Ludwig von Bayern-------------
























So kam es, dass am 25. November 1314, vor genau 700 Jahren, die erste Königskrönung in der Geschichte der Bonner Münsterkirche durch den Kölner Erzbischof Heinrich von Virneburg mit einem festlichen, ja pompösen Zeremoniell stattfand! Die ganze Stadt muss damals auf den Beinen gewesen sein, um der Krönung beizuwohnen, einem Akt, der für das ganze Reich von größter Bedeutung war. Das Fresko eines monumentalen Reichsadlers im nördlichen Querschiff der Münsterbasilika weist heute noch auf die Königskrönung hin. Die Inschrift unter dem Adler besagt: „In alma hacce aede solemniter coronati sunt Romanorum Reges Fridericus Austriacus per manus Henrici Archiepiscopi Coloniensis AD 1314“.

Reichsadler, Fresko
im Bonner Münster.

Originalabbildung:
http://www.bonner-muenster.de/
kroenung700/geschichte/
sehenswertes/reichsadler/
Bonner Münster: Nördliches Querhaus mit Fresken
















Nach der Krönungszeremonie versammelten sich alle in Bonn anwesenden Fürsten und Herren im Konvent der Minoriten (heute St. Remigius) unter dem Vorsitz des Kurfürsten und verkündeten die vollzogene Salbung und Krönung offiziell dem Reich. Die dabei ausgestellte Urkunde gibt zur Rechtfertigung eine genaue Darstellung der Ereignisse wieder. Am 4. Dezember 1314 erhielt die Stadt Bonn als Belohnung für ihre treuen Dienste auf ewige Zeiten das Recht am Verkauf des sogenannten Bannweins verliehen, womit die Weinzapfgerechtigkeit ganz in die Hand der Bürgerschaft überging.

Was die beiden gleichzeitig gekrönten Könige angeht, so fanden sie nach über zehn Jahren zu einem Kompromiss, bei dem sie sich gegenseitig anerkannten und auf eine Art Doppelherrschaft einigten, wobei Friedrich jedoch nur eine untergeordnete Rolle zukam, während Ludwig die Kaiserkrone erhielt.

Fast auf den Tag 32 Jahre nach diesem bedeutenden Ereignis wurde Bonn zum zweiten Mal Krönungsort. Diesmal, am 26. November 1346, wurde Karl von Mähren – wiederum in der Münsterkirche – zum König gekrönt. Fortan nannte er sich Karl IV. und ging als einer der bedeutendsten Herrscher des späten Mittelalters in die Geschichtsbücher ein.

Sonntag, 16. November 2014

Träumendes Bonn - Eine Heimat-Hymne von 1954.


(Den ganzen Aufsatz "Bonn im Spiegel der Musik" finden Sie in: Bonner Geschichtsblätter, Band 64, Bonn 2014)

Nicht zu vergessen sind an dieser Stelle die „Vier Sternenburger“ und die daraus hervorgegangene Gruppe „Die Zwei mit dem Dreh“, denen Bonn eine Fülle wunderbarer Lieder zu verdanken hat. Das Quartett, bestehend aus dem Sänger Peter Brust, dem Bassisten Emil Lohmer, Rudi Morsche an der Gitarre und Addi Waldmann am Akkordeon gründete sich 1954 und trat jahrzehntelang bei unzähligen Veranstaltungen auf – so auch regelmäßig im Bundeskanzleramt –, bis die Musiker sich 1989 aus Altersgründen trennen mussten. Peter Brust und Emil Lohmer (jetzt an der Drehorgel) traten anschließend als „Die zwei mit dem Dreh“ bis 2006 weiter auf. Traten die „Vier Sternenburger“ mehr mit Parodien und politischen Liedern auf, so sangen „Die Zwei mit dem Dreh“ ihre Lieder in Bönnschem Platt, meist geschrieben von Peter Brust, wie beispielsweise: En de Stuff, En Bonn em Gequetschte, Direk nom letzte Kresch und Heilije Ofend in Bonn. Bekanntestes Stück ist allerdings bis heute das 1954 von Emil Lohmer (geb. 1928) komponierte Lied Träumendes Bonn, das mehrfach veröffentlicht wurde.

Hier der Link zum Video: Träumendes Bonn


Träumendes Bonn, wie schön wors Du
Maat on Hoffjaade wegten eins dich en Ruh.
Die wiesse Scheffe am Ahle Zoll
dröme von Zigge, die woren wundervoll.
Nun zog dat Märche de Vorhang zu,
träumendes Bonn wie schön wors Du.

Jeet me hück durch de Wenzeljass,
nimmp me sich am beste en flegende Ungertass.
Bei su nem grusse Krach un Lärm,
werde mir Bönnsche üwerhaupt net mie wärm.
Schön wor et fröhe on wie es et hück?
Me fällt jo bald üwer de fremde Lück.

Träumendes Bonn, wie schön wors Du,
de Strom mät beim Anblick de Oore zu.
Verebb es der stürmische jungfruhe Drang,
on huschende Welle murmele ne Sang.
Doch letztens ene Grus der soll et sen,
et es uns Heimat, ons Bonn am Ring.

Samstag, 15. November 2014

Bonn - Wenn nur der Rhein nicht wär! Schellackplattenaufnahme von 1924.


Den ganzen Aufsatz "Bonn im Spiegel der Musik" finden Sie in: Bonner Geschichtsblätter, Band 64, Bonn 2014.

Der seinerzeit sehr bekannte und erfolgreiche Komponist Friedrich August Bungert (1845–1915) vertonte 1891 in seinem Zyklus „Mein Rhein. Ein Kranz von Liedern“ (Op. 37) das von Carmen Sylva geschriebene Gedicht „Bonn. Wenn nur der Rhein nicht wär“. Carmen Sylva - eigentlich Prinzessin Elisabeth Luise zu Wied – war seit ihrem 10. Lebensjahr in Bonn aufgewachsen. Durch ihre Heirat mit Karl Eitel Friedrich Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen wurde sie als Folge des russisch-türkischen Kriegs 1881 Königin von Rumänien. Hatte sie bereits in ihrer Bonner Zeit eigene Gedichte und Prosa verfasst, so intensivierte sie in Bukarest ihre künstlerische Tätigkeit. Eine Vielzahl ihrer Gedichtbände, Übersetzungen, Theaterstücke und Romane wurden noch zu Lebzeiten veröffentlicht. Den Künstlernamen Carmen Sylva verwendete sie erstmals 1881.

Bungerts Liedvertonung wurde später mehrfach auf Schallplatte eingespielt, so seit 1911 alleine viermal von Odeon mit Carl Amster als Interpret, 1921 ebenfalls mit Carl Amster von Vox, 1924 von der Deutschen Grammophon mit dem Bariton Julius Roether, im selben Jahr von Parlophon mit Heinrich Winckelshoff, 1929 von Tri-Ergon mit dem Operntenor Wilhelm Gombert und 1937 nochmals von der Deutschen Grammophon mit Willy Schneider.

Die hier vorgestellte sehr seltene Aufnahme ist von 1924 mit dem seinerzeit sehr bekannten Opernsänger (Bass-Bariton) Julius Roether.

video

Wenn nur der Rhein nicht wär’
und der Sonnenschein
so strahlend darüber her,
und der goldene Wein.

Und die sieben Berge nicht,
und der alte Zoll
und die Schifflein im Angesicht,
mit den Segeln voll.

Und die Mägdlein so wundernett,
und der Rundgesang,
und der Morgen so schön im Bett,
und der Tag so lang. –

Ach! wie studierten wir
so gar fleissig jus!
Rhein, Rhein! Es liegt an dir,
dass man bummeln muss!

Dienstag, 11. November 2014

Das war in Bonn am Rhein bei den Husaren - Marschfoxtrott von 1930.


Ein weiteres Stück aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts trägt den Titel Das war in Bonn am Rhein bei den Husaren und stammt aus dem Jahr 1930. Komponist und Texter des Lieds war Rudolf Roontal. Im Juni 1930 wurde das Marschlied mit Refrain-Gesang von der Firma Electrola im Berliner-Beethoven-Saal auf Schellack-Platte aufgenommen. Es spielte das Oskar-Joost-Tanzorchester vom Eden-Hotel Berlin unter Joosts eigener Leitung. Der Sänger wird nicht genannt, ist aber möglicherweise ebenfalls Oskar Joost. Der Titel bezieht sich auf das Husaren-Regiment König Wilhelm I. (1. Rheinisches) Nr. 7, das von 1852 bis zum Ersten Weltkrieg in Bonn stationiert war. Das Husarendenkmal befindet sich am Alten Zoll. 

Den ganzen Aufsatz „Bonn im Spiegel der Musik“ finden Sie in: Bonner Geschichtsblätter, Band 64, Bonn 2014.


video


Das war in Bonn am Rhein, bei den Husaren,
da küssten wir so manches Mägdelein
mit blonden, braunen und mit schwarzen Haaren
am Alten Zoll beim trauten Mondenschein.
Und klangen hell früh morgens die Fanfaren,
dann war die ganze Stadt aus Rand und Band.
Das war in Bonn am Rhein, bei den Husaren,
in Bonn am schönen grünen Rheinesstrand.